Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 11. Beitrag von Hans-Walter Stork in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 213-214

Beda Venerabilis: Kommentar zu den Büchern Esra und Nehemia

Köln, St. Pantaleon, um 1160

In den Jahren ab etwa 1150 bis um 1190 entstanden im Skriptorium des St. Pantaleonklosters mehrere ungewöhnlich gut ausgestattete exegetische und historische Handschriften, die durch reiche Verwendung von Zierinitialen und - in zwei Fällen - ganzseitigen Zierseiten auffallen. Den Anfang macht in den Jahren um 1150 ein Band mit 'De Civitate Dei' des Augustinus (Hamburg, Staats- und Universitätsbibl., Cod. 5 in scrinio). Er weist - und das ist auffällig bei theologischen Handschriften - zwei prunkvolle, Purpurgrund imitierende ganzseitige Titelblätter und 22 spaltenbreite Initialen zu jedem Buch des 'Gottesstaates' auf. In chronologischer Folge schließen sich die 'Historia ecclesiastica tripartita' des Cassiodor in Berlin (Staatsbibl. PK, Ms. theol. lat. fol.901) und vier Codices der Kölner Dombibliothek an: Dom Hss. 11 und 31 (Kat.Nr.31), dazu vielleicht die zweibändige Ausgabe der 'Antiquitates' des Flavius Josephus, Dom Hss. 162 und 163 (Kat.Nr.72). Diese Handschriften entstanden um 1160-70. Es folgen zwei Codices in Hamburg: der Sommerband eines Homiliars des Paulus Diaconus (Cod. 1b in scrinio) und der Miscellaneenband mit Werken des Hieronymus, Augustinus und anderer (Cod. 6 in scrinio). Letzterer ist um 1180-90 zu datieren und beschließt die Reihe. Wiederum besteht der Buchschmuck hier, mit Cod. 5 in scrinio durchaus vergleichbar, aus zwei ganzseitigen Titelblättern. Diese einmal gefundene Gestaltungsform wurde also über vierzig Jahre im Skriptorium von St. Pantaleon beibehalten.

Dom Hs.11 enthält zwei der kleineren exegetischen Kommentare des Beda Venerabilis: seine Erläuterungen zu den "Kleinen Propheten" Esra und Nehemia. Der Angelsachse Beda wurde 673/674 in der "Bannmeile" des Klosters Wearmouth in Northumbrien geboren. Nach dem Tod seiner Eltern gaben Verwandte den Siebenjährigen in die Obhut des Abtes Benedict Biscop (ca. 628- 690?), der ihn dem Mönch Ceolfried (630-716) im Kloster Jarrow anvertraute. Als Neunzehnjähriger wurde Beda Diakon, mit dreißig Jahren Priester. Er starb im Jahr 735. Fast sein gesamtes Leben verbrachte er im Kloster Jarrow, wo er studierend und lehrend eine umfassende schriftstellerische Tätigkeit entfaltete. Dabei nutzte er die großartige Bibliothek seines Klosters. Als einer der ersten mittelalterlichen Schriftsteller belegte er seine Quellen, benannte frühere Verfasser und kennzeichnete Zitate. Hauptziel war ihm bei aller gelehrten Wissenschaft "Erbauung und sittliche Belehrung durch das Studium der Bibel", der Naturwissenschaften und der Geschichte (W. Becker, in: LexMA 1, Sp.1775). Von seinen zahlreichen Werken ist heute die 'Historia ecclesiastica gentis Anglorum' am bekanntesten, die in über 160 Handschriften erhalten ist. Im Mittelalter fanden jedoch seine exegetischen und theologischen Werke die weiteste Verbreitung. Die Kölner Dombibliothek verfügt in einem Codex des 9./10.Jahrhunderts noch über seine 'Collectio ex opusculis Sancti Augustini' (Dom Hs.104). Folgenreich und weit verbreitet sind auch die fälschlich unter seinem Namen kursierenden Schriften, die sich gern mit seiner Autorität schmückten. Beispielsweise überliefert Dom Hs.84 (Kat.Nr.33) in einem Band mit den 'Moralia in Iob' Gregors des Großen zwei Predigten eines unbekannten Autors unter Bedas Namen.

Bedas Kommentar zu den Prophetenbüchern Esra und Nehemia gehören mit zwei weiteren Texten in einen größeren Zusammenhang. In seiner Schrift 'Über den Tabernakel' (De tabernaculo) erläutert Beda die allegorische Bedeutung des von Moses in der Wüste errichteten Tabernakels. Im Buch 'Über den Tempel' (De templo) handelt er über den ersten salomonischen Tempel, der zur Zeit des babylonischen Exils zerstört wurde. Hier schließt sich die Auslegung der Bücher Esra und Nehemia an, in der Beda den Bau des zweiten, während der Regierung des Perserkönigs Cyrus (558-529 v.Chr.) nach dem babylonischen Exil errichteten Tempels allegorisch mit Blick auf das himmlische Jerusalem deutet.

Das Werk Bedas zu Esra und Nehemia kann in insgesamt 32 Manuskripten nachgewiesen werden; der Kölner Codex folgt der üblichen Textredaktion und weist keine auffälligen abweichenden Lesarten auf. Der Band wurde in den beiden Hauptteilen (9v-51v und 56r-77v) von zwei geübten Schreiberhänden in karolingischer Minuskel geschrieben, deren Buchstabenform noch auf das beginnende 12.Jahrhundert verweist. Kleinere Eintragungen verteilen sich auf drei weitere Schreiber. Auf Folio 78r hat ein Schreiber 24 Hexameter aus den Monosticha des Pseudo-Cato - die im Mittelalter Beda zugeschrieben wurden und sonst nur noch im Codex Reg. lat. 711 der Vatikanischen Bibliothek vorkommen - und einen Vers Martials eingetragen. Insgesamt bezeugen zahlreiche Marginalien, daß der Codex aufmerksam studiert wurde.

Hans-Walter Stork