Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 1173. Beitrag von Markus Müller in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 433-435

Graduale

Köln, 1320-1330

Das Graduale beinhaltet die im Kirchenjahr gleichbleibenden und wechselnden Meßgesänge des Sommerhalbjahres und war offensichtlich für den Gebrauch in einem Dominikanerkonvent bestimmt. Aufgrund des beträchtlichen Umfangs und mit Rücksicht auf eine bessere liturgische Handhabung war eine jahreszeitliche Aufteilung der Gradualien in mehrere Bände üblich, so daß die ausgestellte Handschrift ursprünglich ein entsprechender Winterteil komplettiert haben muß. Die Bestimmung der Handschrift für ein Dominikanerkloster wird durch mehrere Indizien getragen. So beginnt im 'Proprium de tempore' (Herrenfeste und Sonntage) die Zählung der Sonntage nach Ostern nach der Oktav der jeweiligen Feste, was den spezifischen Gewohnheiten des Dominikanerordens entspricht. Im 'Proprium de sanctis' (Heiligenfeste) sind die Feste des hl. Dominikus durch Miniaturen eindeutig hervorgehoben. Auf Folio CXr birgt die Initiale zum Introitus I(n medio ecclesie) die Entrückung des Heiligen gemäß dem in der 'Legenda aurea' geschilderten Traumbild des Dominikanerbruders Ewalis aus Brescia. Die Ikonographie der Handschrift ermöglicht ferner den Rückschluß, daß sie für das Kölner Dominikanerkloster Hl. Kreuz hergestellt wurde. Im 'Proprium de sanctis' ziert die Initiale N(os autem gloriari) zum Patronatsfest auf Folio XCIIv die Darstellung der Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena, die in ihrer Rechten das grüne Kreuz in seiner Symbolik als Lebensbaum hält. Das 1220 gegründete und in der Stolkgasse gelegene Dominikanerkloster war dem Hl. Kreuz geweiht. Zu seinen Reliquienschätzen zählte ein Kreuzpartikel, welches der Überlieferung nach dem hier ab 1248 als Lehrer wirkenden Albertus Magnus (um 1200-1280) durch König Ludwig IX. von Frankreich (1226-1270) im Jahre 1256 geschenkt wurde.

Im Rahmen einer stilistischen Einordnung der Handschrift innerhalb der Kölner Buchmalerei wurde wiederholt auf Affinitäten zum Fragment B der Sammelmappe 3116 der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt verwiesen. Der Figurenstil sowie ornamentale Füll- und Besatzmotive der historisierten Initialen sind tatsächlich stark verwandt. Lediglich die Ranken differieren dort leicht: Sie entfalten sich aus den horizontalen, geometrisch geformten Zierleisten in die Seitenstege hinein in vegetabilem Schwung. Im vorliegenden Graduale hingegen greifen nur kurze, mit Wein- und stilisierten Dreiblättern besetzte Ranken in die Kopf- und Fußstege der Seiten aus; sie entwickeln sich an den Enden der Zierleisten am linken Blattrand aus zwei- oder dreiteiligen Spiralrankenknoten mit gezackten Profilen. Die Einzel- und Doppelblätter der angeführten Sammelmappe wurden in die künstlerische Nachfolge des Franziskaners Johannes von Valkenburg gestellt (vgl. Diözesan Hs.1b, Kat.Nr.88). Überlieferte Schreibernamen lassen die Existenz einer im ersten Viertel des 14.Jahrhunderts tätigen franziskanischen Malerwerkstatt möglich erscheinen. Dieses Skriptorium könnte auch Handschriften für andere Konvente und Auftraggeber illuminiert haben. Dafür spricht der Umstand, daß gegenüber der im monastischen Milieu gebräuchlichen französischen Quadratnotation auch die von der Weltgeistlichkeit bevorzugten deutschen Hufnagelnoten in einer stilistisch diesem Atelier zuzuweisenden Handschrift vorkommen.

Eine fragile Überlängung und manieristische Übersteigerung des zarten, in den liturgischen Handschriften des Bruders Johannes hervortretenden Gestaltideals kennzeichnet den Figurenstil des ausgestellten Graduales. Diese Tendenzen treten besonders prägnant auf Folio LXXIIIIr in der Initiale T(erribilis est locus) mit Darstellung der Altarweihe und auf Folio XCIXr in der Heimsuchungsminiatur zum Fest Johannes' des Täufers hervor. Nahezu entkörperlichte Figuren mit additiver Reihung der Gewandfalten bestimmen hier das Bild. Ein eher puppenartig gedrungener Figurentypus, der zum Beispiel in der Initiale zum Introitus S(piritus Domini) mit Darstel- lung des Pfingstwunders faßbar wird (XXVIv), charakterisiert eine zweite an der Ausstattung beteiligte Hand.

Frühestens wurde die Handschrift im Jahre 1301 geschaffen, da das Graduale das Fest des hl. Ludwig aufweist, welches erst in diesem Jahr dem dominikanischen Heiligenkanon inkorporiert wurde. Nach Maßgabe der skizzierten manieristischen Tendenzen des Figurenstils scheint die Handschrift jedoch in den 1320er Jahren entstanden zu sein. Exemplarisch wirft das Graduale die Problematik der künstlerischen Nachfolge des Johannes von Valkenburg in Köln auf. Hierbei ist jedoch letztlich nicht zu entscheiden, ob es sich um eine neue Vorbilder assimilierende Weiterentwicklung einer auf Bruder Johannes gründenden Stiltradition handelt, oder ob im vorliegenden Fall nicht ähnlich geartete, maasländische Stileindrücke verarbeitet wurden.

Markus Müller