Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 12. Beitrag von Ulrike Surmann in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 349

Hillinus-Codex

Von einem Reichenauer Maler und einem Seeoner (?) Schreiber in Köln gefertigt, zwischen 1010 und 1020

Laut Schreibereintrag (2v) wurde das Evangeliar von den Brüdern Purchardus und Chuonradus für den ansonsten nicht nachweisbaren Kölner Domherrn Hillinus angefertigt, der im ungewöhnlich plazierten Dedikationsbild (16v) dem hl. Petrus das fertige Buch überreicht. Wenn auch nicht in Köln beheimatet, so weilten die beiden Brüder doch während der Arbeit an diesem Codex mit großer Wahrscheinlichkeit in der Stadt, wie es der schon genannte Eintrag zu Beginn des Evangeliars nahelegt. Das Lokalkolorit färbte vor allem auf das Dedikationsbild ab, dessen bekrönende Architektur den karolingischen Kölner Dom und dessen Fußboden die Deckplatte aus rotem und grünem Porphyr vom Grab Erzbischof Geros (969-976) vor dem Kreuzaltar des Domes darzustellen scheint. Eine solche, fast realistisch zu nennende Charakterisierung von Architektur ist in der ottonischen Zeit einmalig und wird daher nur mit Zurückhaltung zur Kenntnis genommen. Eine weitere Kölner Eigenart ist das Autorenportrait des Bibelübersetzers Hieronymus (347/348-419/420) zu Beginn der Handschrift. Während das Bildthema auf der Reichenau unbekannt ist, gehört es in Kölner Evangeliaren fast zur Standardausstattung.

Dem Eintrag zu Beginn der Handschrift entsprechend können zwei an der Herstellung beteiligte Kräfte nachgewiesen werden (Hoffmann 1986). Der Schreiber wurde in der heute nach Seeon lokalisierten Schreibschule ausgebildet (vgl. Dom Hs.144; Kat.Nr.79) und war laut Hoffmann auch an einem Evangeliar in Erlangen beteiligt (Universitätsbibl., Ms.12). Verwandte Initialen mit lappigen Blättern, stumpfen Astenden und blütenartigen blauen Blättern finden sich z.B. auch in der Bamberger Benediktsregel (Staatsbibl., Ms.Lit.143) derselben Schule. Die Miniaturen und Initialzierseiten dagegen sind eindeutig aus der Reichenauer Tradition hervorgegangen und unterschiedlichen Vorlagen verpflichtet. Motivisch eng verwandt ist das Evangeliar Ottos III. (München, Staatsbibl., Clm 4453), das nicht nur die Initialzierseiten vorbildet, sondern auch Einzelmotive wie den struppigen Vogel der Lukasinitiale (109r). Gleichzeitig scheint eine Handschrift des Trierer Gregormeisters ihre Spuren in der Ausstattung hinterlassen zu haben. Das Matthäusbild (22v) gleicht verblüffend demjenigen seines Evangeliars aus der Sainte-Chapelle (Paris, Bibl. Nat., Lat. 8851), das auch im Reichenauer Perikopenbuch Heinrichs II. (München, Staatsbibl., Clm 4452) vorbildhaft wirkte, also in der Schule bekannt war, während sich Hieronymus an dem Gregorbild (Trier, Stadtbibl., Hs.171/1626) bzw. einem hypothetisch zu rekonstruierenden Hieronymusbild des Meisters orientiert (Schnitzler 1956). Auch einige der kleineren Initialen stehen in der Trier-Reichenauer Tradition (z.B. 17r; vgl. Berlin, Staatsbibl. PK, Ms. theol. lat. fol.34).

Ulrike Surmann