Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 151. Beitrag von Johanna C. Gummlich in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 470-471

Missale

Köln, nach 1475

Dom Hs.151 enthält wie ein Missale Gebete, Lesungen und Gesänge für die Meßfeier, allerdings als Auswahl aus den Meßformularen für das ganze Kirchenjahr. Sie erlaubt, trotz fehlender inschriftlicher Angaben zu Datierung oder Provenienz, die ursprüngliche Nutzung dieses Teilmissales zu rekonstruieren. Auffällig ist, daß neben den Hochfesten alle wichtigen Marienfeste aufgenommen sind. Heilige werden namentlich nicht genannt bis auf die hll. Dominikus, Petrus Martyr, Thomas von Aquin und Vinzenz (62v), die Ordensheiligen der Dominikaner, deren Hl. Kreuz-Kloster in Köln 1220/21 gegründet und 1804 niedergelegt wurde. Auf das Totenoffizium (55r) folgt ein Gebet für eine nicht näher bezeichnete Gemeinschaft, die Maria als Fürbitterin anruft. Dabei könnte es sich um die am Kölner Dominikanerkloster beheimatete Rosenkranzbruderschaft handeln, die 1475 anläßlich der mit Rosenkranzgebeten erfolgreich abgewendeten Bedrohung der Stadt Köln durch Karl den Kühnen aus der Marienbruderschaft hervorgegangen war. 1478 äußerten neunzehn Kardinäle den Wunsch, daß der Marienaltar, an dem diese politisch bedeutsame Bruderschaft gestiftet worden war, "besucht und mit Leuchten, Büchern, Kelchen und anderen liturgischen Geräten ausgestattet und der Gottesdienst vermehrt werde" (Militzer 1997, S.524); daraufhin erfolgten mehrere testamentarische Vermächtnisse zugunsten der Bruderschaft. Somit könnte Dom Hs.151 für die Nutzung in der Dominikanerkirche Hl. Kreuz anläßlich der Gründung der Rosenkranzbruderschaft angefertigt worden sein. Die Konzentration auf Hoch- und Marienfeste ließe sich auf den umfangreichen Ablaß zurückführen, welcher der Bruderschaft an Marienfesten verliehen wurde.

Der einzige figürliche und für ein Missale auch charakteristische Buchschmuck in Dom Hs.151 ist das ganzseitige Kreuzigungsbild (10v) gegenüber dem Gebet Te igitur - der Bitte um gnädige Annahme der Gaben vor der Wandlung von Brot und Wein. Die zur Rechten des Gekreuzigten stehende Maria trägt hier über ihrem roten Gewand nicht den häufiger dargestellten blauen, sondern einen weißen Mantel - möglicherweise ein Hinweis darauf, daß die Marienverehrung durch die neu etablierte Rosenkranzverehrung zunehmend in die Liturgie eingebunden wurde: Weiß war die liturgische Farbe der Marienfeste (Beissel 1972, 315ff., 540ff.). Der anonyme Illuminator dieses Kanonbildes fertigte ein weiteres in einem Missale für St. Kolumba (Diözesan Hs.269), eine mehrfigurige Kreuzigung auf einem Einzelblatt (Darmstadt, Hess. Landesmuseum, AE 340 ) und die Bekehrung des Apostels Paulus in einem 1483 abgeschlossenen Werk des Kölner Kartäusers Werner Rolevinck (1425-1502) über Leben und Taten des Apostels (Berlin, Staatsbibl. PK, Ms. theol. lat. fol.713, fol.Iv; vgl. Marks 1974; Becker/Brandis 1985, S.262f.). Zudem malte er nicht nur auf Pergament, sondern auch auf Leinwand (Köln, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 3606, WRM 101, vgl. Zehnder 1988; ders. 1990, S.151f.; ehem. WRM 99). Sowohl im Fall der Rolevinck-Handschrift als auch der Dom Hs.151 wäre es möglich, daß die ganzseitigen Miniaturen von einer Werkstatt erworben wurden, die kleinformatige Bilder auf Pergament und auch auf Leinwand anfertigte. Bei Dom Hs.151 sprechen abweichende Blattgröße und Befestigung - das dickere Pergamentblatt mit dem Kanonbild ist etwa 1cm niedriger als der restliche Buchblock und an einen Pergamentsteg angeklebt - dafür, daß Buchblock und Miniatur unabhängig voneinander entstanden sind. Das Kanonbild in Dom Hs.257 (Kat.Nr.101) von 1473 ist diesem sehr ähnlich, stammt aber von einer anderen Hand. Die Federzeichnungsranken um das Kreuzigungsbild von Dom Hs.257 stimmen jedoch wieder mit denen in Diözesan Hs.269 so weitgehend überein, daß eine zeitlich nahe Entstehung beider Blätter in einer Werkstatt höchstwahrscheinlich ist. Diese muß aufgrund der beiden datierten Handschriften mindestens von 1473 bis 1483 aktiv gewesen sein. Entsprechend ist sie der Lochner-Nachfolge zuzuordnen, verwendet aber insbesondere bei den Kölner Werken bereits länger tradierte Bildformen.

Johanna C. Gummlich