Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 1521. Beitrag von Johanna C. Gummlich in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 509-514

Antiphonar

Köln, um 1508

Laut Bibliotheksvermerk vom Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem ersten Pergamentblatt stammt Diözesan Hs.521 aus der Pfarrbibliothek von Groß St. Martin in Köln. Das Antiphonar enthält keine mittelalterlichen Hinweise auf Herstellungs- oder Nutzungsort, was in Blattverlusten zu Beginn und am Schluß des Buchblockes begründet sein könnte. Die Handschrift wurde vermutlich bis kurz vor der Säkularisation noch genutzt, worauf Nachträge aus dem 17. und 18. Jahrhundert hinweisen, von denen die späteren vermutlich mit Ludimagister (Schulmeister) Leonard Schmitz in Verbindung zu bringen sind, der auf dem Einband genannt wird.

Diözesan Hs.521 beinhaltet nur den Winterteil (Pars hiemalis) eines Antiphonars vom ersten Advent bis zur Vigil vor Ostern. Deshalb ist zu vermuten, daß ursprünglich ein das Antiphonar zum vollen Kirchenjahr vervollständigender Sommerband zu der Handschrift gehörte. Gemeinsam dienten sie wahrscheinlich in der Benediktinerabtei als liturgische Bücher zum Vortragen vor allem der Antiphone (Rahmen- oder Kehrverse) und Responsorien (Wechselgesänge) des Stundengebets (Offizium), die vom Sängerchor bzw. von Solisten und Sängerchor im Wechsel intoniert wurden. Aufgeteilt in bewegliche Feste, Heiligenfeste und Feste für bestimmte Gruppen von Heiligen (Proprium de tempore, Proprium de sanctis, Commune sanctorum) richten sie sich nach dem Ablauf des Kirchenjahres.

Mit vierzehn der sechzehn erhaltenen historisierten Initialen sind Heiligenfeste im 'Proprium de sanctis' jeweils durch die Darstellung des zu feiernden Heiligen hervorgehoben. In der Auszeichnung der die Heiligen verehrenden Offiziumstexte unterscheidet sich Diözesan Hs.521 grundsätzlich von den etwas später (um 1520) von den Kreuzherren für das Domstift hergestellten Antiphonarien Dom Hss. 221-225 (Kat.Nr.97), in denen das 'Proprium de tempore' reicher geschmückt ist. Die Darstellung des hl. Martin von Tours, der einem verkrüppelten Bettler ein Almosen gibt (22*v), zum allgemeinen, nicht auf einen bestimmten Heiligen festgelegten Fest eines Bekenners, kann als Bezug zum Patrozinium von Groß St. Martin aufgefaßt werden (Lemeunier 1994). Die zwei Schwertkämpfer der E-Initiale des E(cce) am Beginn des 'Commune sanctorum' (1*v) konnten dagegen noch nicht inhaltlich entschlüsselt werden. Möglicherweise stehen sie im Zusammenhang mit der Antiphon, die zu furchtlosem Bekenntnis auffordert (Mt 10,16mit Bezug zu 10,34). Auffallendes Kennzeichen der Miniaturen ist die prunkvolle Kleidung der weiblichen Heiligen und das Motiv des Goldbrokatvorhangs als Hintergrundfolie. In der Kölner Tafelmalerei treten diese Elemente beispielsweise schon in Werken des Meisters der Verherrlichung Mariae (1460-1480/90), aber auch bei den um 1480 bis 1510/15 tätigen Malern auf. Der Illuminator schließt sich in diesem Punkt an einen Zeitstil an, der die Zugehörigkeit der Heiligen zum himmlischen Hofstaat durch deren an der zeitgenössischen Kleidermode orientierte Phantasiekleidung und unter Verwendung des eher höfischen als bürgerlichen Kreisen zuzuordnenden Goldbrokats betonte (M. Madou, in: Hans Memling. Essays, Ausst.Kat. Brügge 1994).

Der reiche Buchschmuck von Diözesan Hs.521 bezieht sich auch auf die Benutzer dieses Antiphonars, die Sänger: Federzeichnungen an den kleineren Initialen zeigen zahlreiche karikierte Männerköpfe im Profil mit deutlich geöffneten Mündern. Die in zwei Fällen hinzugefügten Buchstaben la la la (7r, 189v) veranschaulichen, daß damit Sänger gemeint sind. Die Ornamentik des Fleuronnées (z.B. 36r, 133r, 147r) und die Phantasieblumen der Initialen auf Folio 95v oder 1*v verraten eine Verwandtschaft mit den Dom Hss. 228 und 229 (Kat.Nr.99). Die Initiale auf Folio 8*v ist als einzige im Binnenfeld mit Streublumen vor einem Goldstaubgrund verziert, die in der Buchmalerei der Kölner Fraterherren seit dem Essener Missale von 1506 häufig auftreten (Domschatzkammer, Hs.14). Sie machen die Beziehungen zwischen unserem Skriptorium und dem der Fraterherren deutlich, von dem sich Diözesan Hs.521 und die Dom Hss.228/229 in ihrem formalen Aufbau, in dem der Tradition der Kölner Tafelmalerei seit Lochner folgenden Stil und im ikonographischen Repertoire allerdings unterscheiden. Kirschbaum (1972) zog ihre Entstehung in dem aus schriftlichen Quellen bekannten Skriptorium der Benediktinerabtei Groß St. Martin in Betracht. Belege hierfür lassen sich nicht erbringen, vielmehr bestehen prinzipielle Abweichungen von den gesichert um 1500 in Groß St. Martin geschriebenen Handschriften (Diözesan Hs.519, Kat.Nr.96; Diözesan Hs.520). Durch zwei inschriftlich datierte Codices ist ein zehnjähriger Mindestzeitraum von 1498 (Dom Hs.229) bis 1508 (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Hs.352) vorgegeben, in dem unser Skriptorium aktiv gewesen sein müßte.

Johanna C. Gummlich