Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 157. Beitrag von Andreas Odenthal/Joachim M. Plotzek in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 400-403

Missale

Lüttich, 3. Viertel 12. Jh.

Die weithin Sakramentar genannte Handschrift wird in einem späteren Eintrag als Ordo Missarum bezeichnet. Sie enthält verschiedene Meßformulare, eingeteilt nach Herrenjahr (Proprium de tempore, 25r-97v) und Heiligenfeiern (Proprium de sanctis, 98r-149r). Vorangestellt ist der 'Ordo missae' mit dem 'Canon Romanus' (9r-24v). Im Vergleich zu Dom Hs.88 (Kat.Nr.82) fällt auf, daß der 'Ordo missae' nicht mehr die kurze Darstellung der Messe wie noch im Gregorianum ist. Auch findet sich hier kein zweiter 'Ordo missae' mit dem Apologientyp der Messe mehr, wie noch in Dom Hs.88. Vielmehr bietet die Handschrift ein Formular des sogenannten Rheinischen Meßordo, der um das Jahr 1000 entstandenen Form der gleichbleibenden Teile der Messe, die alle Vorgängerformen aufnimmt und ablöst. Dieser Rheinische Meßordo ist in Dom Hs.157 schon mit der allgemeinen Präfation und dem Eucharistiegebet, dem 'Canon Romanus', systematisiert und zu einer Einheit durchkomponiert worden. Das 'Proprium de sanctis' bietet für das 12. Jahrhundert typische Zusätze zum Kalender des Gregorianischen Sakramentars, so die Apostelfeste und die Feste der Bischöfe und Märtyrer des Frankenlandes (etwa Lambertus und Remigius). Zudem fallen einige benediktinische Feste auf: Fest und Translatio des hl. Benedikt, Fest der Scholastika. Aufgrund der Veränderungen im 'Ordo missae', der Erweiterungen des Kalendars und des späten Entstehungsdatums ist hier nicht mehr von einem Sakramentar im eigentlichen Sinne, sondern schon von einer Frühform des Missale zu sprechen. Der nächste Schritt in der Entwicklung vom Sakramentar zum Missale wird dann noch die Texte der Meßgesänge und der Schriftlesungen einfügen und so ein Plenarmissale schaffen. Die Vorstufe hierzu ist Dom Hs.157.

Festkalender und 'Proprium de sanctis' lassen eine Entstehung der Handschrift für die Kathedrale Saint-Lambert in Lüttich vermuten. Auch die Ausstattung weist ins Zentrum der maasländischen Buchkunst, wo das Sakramentar wohl kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts geschrieben und illuminiert worden ist. Unter einigen im Kalendar verzeichneten Einträgen Verstorbener war bereits Jaffé der noch heute zum 4. September lesbare Nachtrag obiit Heinricus aufgefallen; dieser in einer Minuskel des 12. Jahrhunderts ausgeführte Vermerk ist ein sicherer Hinweis auf die Entstehung der Handschrift vor dem Tod des Lütticher Bischofs Heinrich II. von Looz im Jahre 1164.

Andreas Odenthal/Joachim M. Plotzek