Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 172. Beitrag von Alexander Arweiler in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 100

Homiliar

Mondsee, um 800

Die Dombibliothek verdankt den Besitz dieses karolingischen Homiliars mit großer Wahrscheinlichkeit der Doppelfunktion ihres großen Wohltäters Hildebald (vor 787-818), der als Erzbischof von Köln und zugleich Abt des Klosters Mondsee in Österreich Bücher dieses klösterlichen Skriptoriums nach Köln bringen ließ (vgl. Dom Hs.35, Kat.Nr.10). Die Gebrauchshandschrift ist von mindestens drei verschiedenen Händen verfertigt, die deutliche Kennzeichen des oberösterreichischen Stils tragen (Bischoff II 1980, S.34). Als Teil einer verbreiteten Predigtsammlung zu einzelnen Lesungen aus den Paulusbriefen berücksichtigt sie - dem Kirchenjahr folgend - die praktischen Belange der Meßfeier. Von der Geburt Christi bis zum Fest der Himmelfahrt fand der Leser auf der Suche nach Anregungen für seine Predigten in dieser Handschrift den jeweiligen Passus aus den Paulusbriefen; darüber, durch die rote Tinte gut markiert, die Bezeichnung des Tages im Kirchenjahr und darunter schließlich eine selten mehr als zwei bis vier Blätter umfassende Homilie. Jeweils auf dem Rand neben den Homilien sind in roter Tinte Namenskürzel der angeblichen Verfasser vermerkt (Augustinus, Hieronymus, Isidor usw.). Ein Inhaltsverzeichnis listet im Vorspann die von 1 bis 65 durchgezählten Tage auf, zu denen Predigten enthalten sind. In anderen Bibliotheken existieren zwar weitere Abschriften dieser Predigtsammlung (s. Barré 1962, S.8), die auch die hier fehlenden Texte zum zweiten Teil des Kirchenjahres umfassen, die einzige gedruckte Ausgabe erschien aber in Köln im Jahr 1535, besorgt von J. Gymnicus.

Alexander Arweiler