Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 257. Beitrag von Johanna C. Gummlich in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 515-516

Missale

Köln, Fraterhaus St. Michael am Weidenbach, 1473

Für Dom Hs.257 sind durch einen Eintrag zu Beginn des Buches Besitzer, Funktion und Kaufdatum gesichert (1r). Das Missale wurde 1473 von der Maria-Magdalena-Bruderschaft an der Pfarrkirche St. Laurenz erworben (vgl. Dom Hs.243, Kat.Nr.104; dort auch Erläuterungen zur Bruderschaft). Zusammen mit einem Kelch und anderem, früher erworbenem Altarschmuck war es zur alleinigen Nutzung durch den Offizianten der Bruderschaft an deren Altar bestimmt, der sich wahrscheinlich auf einer der Emporen in der Pfarrkirche St. Laurenz befand.

Als Missale enthält Dom Hs.257 Gebete, Lesungen und Gesänge für die Meßfeiern der Bruderschaft während des gesamten Kirchenjahres. Es beinhaltet den gleichbleibenden Meßkanon mit dem eucharistischen Hochgebet und die wechselnden Meßformulare für die beweglichen Feste des Kirchenjahres (Proprium de tempore) und die Heiligenfeste (Proprium de sanctis, Commune sanctorum). Dazwischen stehen Messen für bestimmte Anliegen wie Fürbitte und Totengedenken oder das Kirchweihfest.

Die einzige figürliche Darstellung in Dom Hs.257 ist das Kanonbild mit Maria und Johannes zu Seiten des gekreuzigten Christus (139v). Es illustriert den Meßkanon, desse Initiale T(e igitur) durch ihre Kreuzform auch formal an das historische Geschehen der Kreuzigung Christi erinnert. Das Blatt ist auf einen separaten Blattsteg geklebt. Daraus ist zu schließen, daß Buchblock und Kanonbild nicht zusammen entstanden sind. Die einzelne Miniatur war zwar beim Heften der Lagen bereits eingeplant, stand aber vermutlich noch nicht zur Verfügung. Andernfalls hätte sie mit am Ende der Lage überstehendem Steg eingeheftet werden können. Dom Hs.257 entspricht hinsichtlich der separat angefertigten, eingeklebten Miniatur somit Dom Hs.151 (Kat.Nr.95).

Die farbig und golden gerahmte Kreuzigung ist zusätzlich an drei Seiten von einer Ranke umgeben, die mit der des Kanonbildes in Diözesan Hs.269 nahezu identisch ist, also wohl aus derselben Werkstatt stammt (vgl. Dom Hs.151). Im Vergleich zu dem einzigen von Stefan Lochner (um 1400-1451) bekannten Kanonbild (Missale, um 1451; Hamburg, Antiquariat Günther) fällt neben der ähnlichen Handhaltung Mariens, die ein faltenreiches Drapieren des Mantels vor dem Unterleib erlaubt, vor allem eine Orientierung an der Lochnerschen Farbigkeit für die Gewänder auf. Ebenso ist - unberührt von Neuerungen in der Raum- und Gegenstandsdarstellung der gleichzeitigen Kölner Tafelmalerei - an dem flachen Kastenraum mit einfarbigem Grund oder Goldgrund festgehalten. Der gleichen Tradition blieb auch der Maler der Kanonbilder in Diözesan Hs.269 und Dom Hs.151 verhaftet.

Dom Hs.257 weist eine größere Anzahl von Initialen mit Ornamenten in Federzeichnung auf. Nur bei den Initialen zu Beginn des Missale und zu den kirchlichen Hauptfesten, d.h. zum Weihnachtsfest sowie zu Ostern und Pfingsten, wurde auf den Initialkörper Blattgold aufgelegt und eine anspruchsvollere vegetabile Ornamentik eingesetzt, die auf das Kölner Skriptorium der Fraterherren verweist. Im Initialstil, aber auch in den rot unterstrichenen ausführlichen Angaben zum Ablauf der Meßfeiern, steht das Missale dem von den Fraterherren etwas später geschriebenen Euskirchener Missale Cod. I (St. Martin, Pfarrarchiv) so nahe, daß es im gleichen Skriptorium entstanden sein muß (vgl. Gummlich 1997, S.123ff.). Nicolaus Verkenesser und seine Frau Greitgin Rodenkirchen hatten 1467, kurz vor dem Erwerb von Dom Hs.257, ein vermutlich auch im Fraterhaus angefertigtes Lektionar (Dom Hs.235) für St. Laurenz gestiftet, das in Schrift und Initialverzierung Dom Hs.257 sehr ähnelt.

Johanna C. Gummlich