Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 26. Beitrag von Beate Braun-Niehr in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 232-234

Paulusbriefe mit Glossen

Nordfrankreich (?) und Köln (?), 3. Viertel 12. Jh.

Für die Verbreitung der Bibelglossen-Handschriften im damaligen Europa sorgten in nicht geringem Maße Studenten der Pariser theologischen Schulen. Bei der Rückkehr an ihre Heimatorte brachten sie Kopien der im Unterricht verwendeten Texte mit. Häufig verzichtete man dabei zunächst auf die künstlerische Ausstattung der Manuskripte, um diese erst "zu Hause" im eigenen Skriptorium nachzutragen. Dementsprechend ist wohl auch Dom Hs.26 in zwei Phasen entstanden. Die vermutlich in Nordfrankreich geschriebenen, glossierten Paulusbriefe kommen mit ihrem einheitlichen Initialschmuck weder dem Umkreis der französischen Vorbilder nahe noch einem der östlich des Rheins in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts üblichen Stile.

Der Beginn der einzelnen Briefe des Apostels Paulus ist - bis auf jenen an die Hebräer - als "Variation" über den Namen ihres Autors mit einem 'P' aus schmalen Leisten und gleichfalls in der Pergamentfarbe belassenen, locker verschlungenen Ranken gestaltet. Diesen entwachsen Endblüten aus fleischigen Palmetten, wie sie in rheinischer Initialornamentik der Zeit nicht ungewöhnlich sind, außerdem Blätter aus drei kleinen Kreisen sowie Pfeilblätter, die ihre Herkunft aus der ottonischen Buchkunst nicht verleugnen können. Vielleicht vermag die merkwürdige farbige Füllung des Binnengrundes mit blauen, türkisgrünen und braunen Polstern einen Fingerzeig hinsichtlich des Entstehungsortes dieser retrospektiven Zierbuchstaben zu geben. Bei der Suche nach älteren Vorlagen, die den Miniator zu seinen Pfeilblattranken angeregt haben können, stößt man auf ein Altes Testament, das in Groß St. Martin in Köln zur Spätzeit Erzbischof Annos entstanden ist (Düsseldorf, Universitätsbibl., Ms.A 1) und dessen Flechtband- und Spiralrankeninitialen blau, grün und braun gefüllt sind (Ornamenta 1985, II S.308, E 85 [G. Karpp]; G. Gattermann [Hg.], Kostbarkeiten aus der Universitätsbibliothek Düsseldorf, Wiesbaden 1989, Nr.8). Diese Farbtrias bleibt für Handschriften aus dem Martinskloster im 12. Jahrhundert bestimmend, wie etwa der Blick auf die 'Vitae sanctorum' lehrt (Düsseldorf, Universitätsbibl., Ms.C 10a; Ornamenta op. cit. E 87 [G. Karpp]; Gattermann op. cit., Nr.9). Sollte der Paulus-Codex gleichfalls dort seine nachträgliche Ausstattung erhalten haben, wüßte man gerne, was den Künstler dazu veranlaßt hat, altertümliche Modelle in die Formensprache der eigenen Zeit zu übersetzen.

Beate Braun-Niehr