Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 274. Beitrag von Johanna C. Gummlich in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 519-520

Graduale

Köln, Fraterhaus St. Michael am Weidenbach, 1531

Bei diesem in Schreibkunst und Buchschmuck sehr qualitätvollen Graduale handelt es sich um das einzige erhaltene Chorbuch der dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts aus dem Skriptorium der Kölner Fraterherren, das mit reichen naturalistischen und figürlichen Illuminationen ausgestattet wurde. Das Fraterhaus St. Michael, eine der 'devotio moderna' zuzuordnende Gemeinschaft von Geistlichen und Laien (Brüder vom gemeinsamen Leben), befand sich von 1417 bis 1793 in der Straße am Weidenbach bei St. Pantaleon. Wesentlicher Bestandteil ihrer Lebensform war das Schreiben von Büchern, deren Verkauf und Restaurierung ihnen bis in die achtziger Jahre des 16. Jahrhunderts als Lebensunterhalt diente. Die Herkunft der Dom Hs.274 aus diesem Skriptorium und das Herstellungsjahr 1531 sind durch Inschriften in den Spruchbändern mehrerer Initialen gesichert. Aufgrund dreier Signaturen, die sich anhand des Nekrologes (Gedächtnisbuch) der Fraterherren auflösen lassen, können die Schreiber als Jacob von Emmerich (gest. 1563), Wolterus Arnem (gest. 1555) und Johannes Cramp (gest. 1558) identifiziert werden (vgl. Löffler 1919, S.38f.). Der Name David, der in zwei Initialen vermerkt ist, benennt den königlichen Autor der biblischen Psalmen, denen viele Antiphonen entnommen sind (33r, Psalm 122; 2*r, Psalm 139,18).

Das Graduale enthält die gesamten wechselnden Meßgesänge des Kirchenjahres und der Heiligenfeste (Introitusantiphon, Graduale, Alleluia, [Sequenz], Offertorium, Communioantiphon) sowie die textlich gleichbleibenden, aber in der Melodie variierten Gesänge des 'Ordinarium missae' (= Kyriale: Kyrie, Gloria, Sanctus, Agnus Dei, Credo) und die zwischen 'Alleluia' und Evangelienlesung gesungenen Sequenzdichtungen (Sequentiar). Die Bedeutung der Dom Hs.274 liegt in der anspruchsvollen Formensprache ihres Buchschmucks, der traditionelle gotische und Renaissance-Elemente verbindet. Besonders auffällig unterscheiden sich die zwei Sorten der Spiegelrahmungen: traditioneller Streublumenrahmen und plastisch herausgearbeitete, metallisch wirkende Grotesken - Tiere, Faunen, Hermen, Masken - zwischen Akanthusranken treten nebeneinander auf. Variantenreich sind auch die Initialen der Zierseiten. Einige historisierte Initialen wirken wie kleine Tafelbilder, in welche die aus Grotesken und Akanthusranken gebildeten Initialkörper in unterschiedlicher Art und Weise eingebunden sind (1r, 12v, 81r, 97r), während bei anderen der Initialkörper das Bildfeld begrenzt (18r, 55*r). Vor allem bei der Darstellung der Verkündigung entsteht hierdurch der Eindruck eines Schlüsselloch-Blicks in einen privaten Innenraum. In die Spiegelrahmung oder die Grotesk-Initialen eingefügte Motive erläutern die den Textanfang begleitende historische Szene: Kniender König David und der Knabe mit dem Haupt Goliaths (1r), Geburt Christi und Kreuzigung (12v), Auferstehung Christi und Samson mit dem Löwen und den Stadttoren von Gaza (81r) sowie die Verkündigung an Maria und die ihre Jungfräulichkeit symbolisierenden Lilien (55*r) ergänzen sich gegenseitig zu einem komplexen theologischen Programm, in dem das historische Geschehen dargestellt und andeutungsweise ausgelegt wird. Diese narrative Komplexität der Zierseiten geht über die meisten Illuminationsprogramme der Kölner Buchmalerei hinaus. Sie läßt auf die bewußte Umsetzung theologischer Ideen schließen, wie sie mehrfach in Kölner Fraterherren-Handschriften zu beobachten ist. Der Illuminator nutzte souverän Vorlagen unterschiedlichster Herkunft und Gattungen (Hugo van der Goes, Jan Joest van Kalkar, Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Bartholomäus Bruyn, Jakobus Binck; vgl. z.B. F.W.H. Hollstein, German Engravings, Amsterdam 1954ff., IV, S.85, Nr.192, VI, S.16, Nr.6), die er im Detail für seine historisierten Initialen übernahm, mit Kölner Bildtypen vermischte, wobei er einer flächigen Raumauffassung verhaftet blieb. Da die qualitätvolle Malweise sich nicht auf den Buchschmuck späterer Fraterherren-Handschriften ausgewirkt hat, wäre es möglich, daß Dom Hs.274 von einem auswärtigen Illuminator verziert wurde (Kirschbaum, Handschrift 1972).

Johanna C. Gummlich