Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 34. Beitrag von Alexander Arweiler in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 194

Ambrosiaster: Kommentar zu den Paulusbriefen

9./10. Jh.

Seit Erasmus von Rotterdam (1466/69-1536) nachgewiesen hat, daß der umfangreiche Kommentar zu den Paulusbriefen fälschlich dem Ambrosius von Mailand (um 339-397) zugeschrieben wurde, trägt der anonyme Verfasser die Bezeichnung Ambrosiaster, wobei der etwas verächtliche Klang keineswegs der hohen theologischen Bedeutung des Werkes gerecht wird. Unter Papst Damasus (366-384) in Rom entstanden, zeugt dieser Kommentar sowohl von großem Wissen, besonders in historischen und das Judentum betreffenden Fragen, als auch von theologischem Sachverstand des Verfassers, der seine Exegese ohne ausufernde allegorische Deutungen mit großem Gewinn am Text entlang entwickelt. Neben der ungeklärten Verfasserfrage bietet das Werk als weitere Besonderheiten eine Überlieferung in Handschriften mit nicht weniger als drei, zum Teil ganz unterschiedlichen Textfassungen. Der Herausgeber Vogels und eine Reihe weiterer Forscher nehmen an, daß der Autor das Werk selbst überarbeitet hat, indem dieser den ursprünglich weit kürzeren Kommentar zum Teil erheblich veränderte und erweiterte. In der Kölner Dombibliothek lassen sich die Auswirkungen dieser Überlieferungsbedingungen gut nachvollziehen. Dom Hs.39 enthält ebenfalls eine Abschrift des Ambrosiaster zum Römerbrief, der in unserer Handschrift nur 44 Blätter, dort aber 71 umfaßt. Aufmerksamen Lesern wie den Bibliothekaren konnten die Unterschiede nicht entgehen, besonders wenn wie hier in derselben Bibliothek zwei Fassungen vorhanden waren. So bot bereits die Vorlage von Dom Hs.34 im Text Teile der längeren Version, weitere hat ein Schreiber aus Dom Hs.39 auf dem Rand von Dom Hs.34 nachgetragen. Ansonsten ist der gesamte Codex von einer Hand geschrieben, sorgfältig und gut lesbar, wozu neben der schönen karolingischen Minuskelschrift auch die durchgängige Binnengliederung beiträgt - wie abgesetzte Majuskeln an Satzanfängen. Der Codex wird in das 10. Jahrhundert datiert, doch Vogels (1966) hat auf die Ähnlichkeit der Initialen mit denen eines Salzburger Ambrosiasterexemplars hingewiesen, das im 9. Jahrhundert in Freising entstanden ist.

Alexander Arweiler