Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 62. Beitrag von Beate Braun-Niehr in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 237-240

Petrus Lombardus: Psalmenkommentar

Nordfrankreich (Paris?), 4. Viertel 12. Jh.

Es ist vielleicht kein Zufall, daß es bei der Arbeit an den Glossen zu allen biblischen Büchern (s. Dom Hss. 4, 22, 25, 26, Kat.Nrn.43, 42, 45, 44) Bemühungen gab, gerade für den Psalter und die Briefe des Apostels Paulus - den beiden in der Liturgie immer wieder verwendeten Texten - umfangreichere neuere Kommentare zu erstellen. Auf die 'media glossatura' des Gilbert von Poitiers (um 1080-1154) folgte die 'magna glossatura' des Petrus Lombardus (1095/1100-1160; s. Dom Hs.181, Kat.Nr.47). Den Psalmenkommentar hatte der Magister vor 1148 für den eigenen Gebrauch verfaßt, dann aber - etwa zehn Jahre später - auch zur Grundlage seiner Vorlesungen gemacht. Die von ihm selbst nicht mehr vollendete Überarbeitung schloß Herbert von Bosham, Vertrauter Thomas Beckets (1120-1170), in den 1170er Jahren ab (Magister Petrus Lombardus, Sententiae in IV libris distinctae I/1: Prolegomena, Grottaferrata [Rom] 1971, S.46*-61*).

Anfänglich wurde der fortlaufende Kommentar in zweispaltigem Format überliefert, doch schon bald wuchs das Bedürfnis nach einem integrierten Bibeltext - wie bei den Glossenhandschriften. In Pariser Skriptorien entwickelte man dafür seit etwa 1160 eine auch ästhetisch befriedigende Methode. Auf einheitlich liniierten Seiten wurde der Text des Psalters bzw. der Apostelbriefe in größerer Schrift auf jede zweite Zeile geschrieben, der Kommentar in kleinerem Schriftgrad nutzte jede Linie ("alternate-line"-System). Schließlich rückten die stets kurzen Bibelpartien innerhalb der Spalte als eigener Block an den Rand, so daß diese an drei Seiten von den Erläuterungen eingefaßt werden. Interlinearglossen kommen nicht vor.

Das Exemplar der Kölner Dombibliothek läßt sofort die Vorzüge des "alternate-line"-Layouts erkennen: Der Bibeltext, der - wie höchstens bis 1200 üblich - noch die gesamte Spaltenbreite ausfüllt, setzt sich klar gegen den enggeschriebenen Kommentar ab, bei dem die erläuterten Begriffe und Passagen rot unterstrichen sind. Marginalspalten auf den breiten Rändern nehmen ergänzende Bemerkungen auf. Zur visuellen Orientierung dienen die unterschiedlichen Initialtypen. Blaue und rote Ziermajuskeln, teilweise mit Fleuronnée verziert, markieren die Verse; goldene Initialen stehen am Anfang der Psalmen. Durch große Deckfarbeninitialen auf goldenem Binnengrund sind außer den Psalmen der Dreiteilung (1, 51, 101) auch die durch ihre Verwendung im Stundengebet liturgisch herausgehobenen Psalmen ausgezeichnet, also die Matutinpsalmen [1], 26, 38, [52], 68, 80, 97 und der erste Vesperpsalm 109.

Die kostbare Ausstattung des großformatigen Codex ist jenem Stilphänomen aus dem letzten Drittel des 12. und dem frühen 13. Jahrhundert zuzurechnen, für das die Kunstgeschichte den Begriff "Channel Style" verwendet. Verbreitet in Nordfrankreich und England - eben zu beiden Seiten des Ärmelkanals -, kennzeichnen akkurat mit dem Zirkel konstruierte farbige Ranken um zentrale Palmetten oder sog. Oktopusblätter die Initialornamentik solcher Handschriften. Einzelne Buchstabenteile können durch biegsame Drachenleiber ersetzt werden; hellhäutige Vierbeiner (Hunde oder Löwen) tummeln sich im Geäst. Ein charakteristisches Motiv des Kölner Codex sind die von den Spiralranken umschlungenen nackten Menschen, die in einem Lombardus-Psalmenkommentar der Pariser Nationalbibliothek (Lat. 11565) aus den Jahren 1165 bis 1180 nahe "Verwandte" haben (W. Cahn, in: The Year 1200. A Symposium, New York 1975, S.187ff.; C.F.R. de Hamel, Glossed Books of the Bible and the Origins of the Paris Booktrade, Woodbridge/Dover 1984, S.38ff., Abb.15ff.). Mag hier das Moment der Bedrohung durch böse Mächte, wie wir es von romanischen Zierbuchstaben her kennen, noch nicht vergessen sein, so überwiegt in den Drôlerien zu einzelnen Psalmanfängen doch das Spielerische. Für den neuzeitlichen Betrachter bleibt die Frage nach dem Konnex der kleinen Darstellungen zu den frommen Texten.

Beate Braun-Niehr