Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 88. Beitrag von Andreas Odenthal/Ulrike Surmann in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 394-395

Sakramentar

Fulda, 3. Viertel 10. Jh., und Trier, 4. Viertel 10. Jh.

Dom Hs.88 ist das jüngere der beiden gregorianischen Sakramentare der Dombibliothek. Mannigfaltige Gebrauchsspuren und Nachträge lassen ersehen, daß die Handschrift, im Gegensatz zu Dom Hs.137 (Kat.Nr.81), über Jahrhunderte in der Kölner Domkirche benutzt worden ist. Die Nachträge beziehen sich weitgehend auf den 'Ordo missae', also die Ordnung des Meßverlaufs, die sich um die Jahrtausendwende tiefgreifend änderte. Es wurden nun begleitende Stillgebete gallisch-fränkischer Herkunft eingefügt, die gemäß damaliger Frömmigkeit hauptsächlich apologetischen Charakter haben, also das Erbarmen Gottes für den sich selbst als unwürdig ansehenden Liturgen und seine Assistenz erflehen. Einige wenige dieser Gebete finden sich schon als Nachtrag in Dom Hs.137 (1r). Dom Hs.88 bietet zusätzlich zum kurzen 'Ordo missae' aus dem Grundbestand des Sakramentars (25rff.) einen eigenständigen Meßverlauf (9r-15r). Die apologetische Grundstruktur der Gebete weist diesen Meßordo als Apologientyp aus, ein Vorläufer des sich um das Jahr 1000 ausbildenden sog. Rheinischen Meßordo. Der Ordo aus Dom Hs.88 beginnt mit einer Litanei, gefolgt von Bußgebeten vor der Messe, den Suscipe-Gebeten um Annahme des Opfers bei der Eucharistiefeier, schließlich den Gebeten um die Kommunionriten. Ein Redaktor wohl spätmittelalterlicher Zeit griff zudem in den 'Ordo missae' des Sakramentars ein und fügte eine eigene Pergamentseite hinzu, auf der er weitere inzwischen in den Meßverlauf hineingewachsene Gebete des Kommunionritus ergänzte (29r/v). Diese Gebete sind schon Zeugen für den Einfluß des Rheinischen Meßordo auf die Kölnische Liturgie, von dem erst Dom Hs.149 (Kat.Nr.93) zur Gänze geprägt ist.

Andreas Odenthal/Ulrike Surmann