Anmerkungen zu Diözesan- und Dombibliothek Handschrift 99. Beitrag von Ulrike Surmann in 'Glaube und Wissen im Mittelalter', Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 288-289

Isidor von Sevilla: Kleinere Werke

Köln (?), 9.Jh.

In Dom Hs.99 sind mehrere Werke eines der bedeutendsten Autoren an der Wende von der Spätantike zum frühen Mittelalter überliefert. Isidor wurde um 560 wahrscheinlich in Südspanien geboren und nach dem frühen Tod seiner Eltern von seinem Bruder Leander erzogen, dem er 599/600 als Bischof von Sevilla nachfolgte. Nach langer Amtszeit starb er im Jahre 636. Sein schriftstellerisches Schaffen umfaßt verschiedene Werkkomplexe, in denen er sich mit antikem Bildungsgut (Naturkunde und Grammatik), mit Exegese, mit Kirchenrecht und mit der Geschichtsschreibung auseinandersetzte. In der vorliegenden Handschrift werden zwei dieser Themenbereiche berührt: In seinen 'Prooemia' führt Isidor in die biblischen Bücher ein (2r-16r); seine Abhandlung über das Leben und Sterben der Väter enthält Lebensgeschichten wichtiger Persönlichkeiten des Alten und Neuen Testamentes (16r-36r), deren Namenserklärung er sich anschließend widmet (36v-52v). Diesen exegetischen Schriften folgt mit 'De natura rerum' eine enzyklopädische Zusammenstellung des aus der Antike überlieferten naturkundlichen Wissens (53r-82r; vgl. Dom Hs.83II, Kat.Nr.24). Naturereignisse und Zeiteinteilung erläutert er mit Hilfe von Diagrammen: die Monate und Tage (57r), die Jahreszeiten und deren Klima (59v), die Klimazonen der Erde (61v; mit den Kriterien "bewohnbar" und "unbewohnbar"), die vier Elemente (62v; Feuer, Luft, Wasser, Erde), das Verhältnis von Mikrokosmos und Makrokosmos (63v; Elemente, Jahreszeiten, Temperamente), die Planetenbahnen (71v) und die Winde (78r). Als Einleitung ist der Brief Isidors an den Westgotenkönig Sisebut (612-621) vorangestellt, dem die enzyklopädische Abhandlung zugeeignet ist. Den Abschluß der Werke Isidors bildet seine möglicherweise früheste Schrift mit dem Titel 'Differentiae' (83r-104v), die in Dom Hs.99 nur mit dem zweiten Teil - 'Die Unterschiede zwischen den Sachen' - vertreten ist, während der den Wörtern gewidmete erste Teil fehlt. Es handelt sich dabei um die Ansätze einer Enzyklopädie, in der die Erkenntnis auf die grammatikalischen Kategorien der Etymologie (Worterklärung), der Analogie (Wortentsprechung), der Glosse (Worterläuterung) und hier der Differenz gestützt ist (J. Fontaine, in: LexMA 5 [1990], Sp. 678). Er stellt z.B. der göttlichen Gnade den freien Willen gegenüber (Diff. II,32), wobei ersterer die notwendige Priorität zukomme, oder die 'vita activa' der 'vita contemplativa' (Diff. II,34,131), die sich im Vergleich mit dem aktiven Leben als überlegen erweise (J. Fontaine, in: DSAM 7/2 [1971], Sp. 2108). Der ganzen Handschrift ist als wohl ottonisches Einzelblatt (vgl. Jacobsen 1991) das Gedicht eines Schreibers Egilbertus vorgebunden, das sich auf 'De natura rerum' zu beziehen scheint und das heidnisch-antike Wissen in die göttliche Schöpfung einbindet (1v).

Ulrike Surmann